Auf der Straße lebt sich’s teuer – Mit einem ehemals Obdachlosen durch Wien

Mit einem Guide des Vereins SUPERTRAMPS durch Ottakring und Hernals – zwei Grätzel aus der Perspektive eines obdachlosen Menschen sehen. Reportage über einen kalten, aber erhellenden Abend.

Wir sind zu dritt, als wir uns vor der Polizeistation im Sechzehnten treffen und auf Ferdinand, unseren Guide für den Abend, warten. Mit wienerischem Sprachklang, einem breiten Lächeln und seinem Lieblingswort „whatever“ wird er uns die nächsten zwei Stunden lang begleiten. Auf den Spuren von wohnungs- und obdachlosen Menschen in Wien – das bietet der Verein SUPERTRAMPS in Wien an, Guides sind ehemals obdachlose Frauen und Männer, die Interessierte durch ihre Bezirke führen. Kostenpunkt 15 Euro, Reservierung jederzeit möglich.

Es sind einige Institutionen, die uns Ferdinand zeigt: der Arbeiter-Samariter-Bund (Versorgung von Personen ohne e-card), ein Tageszentrum Vito in Neuottakring (Mittagessen um 50 Cent) oder das Wohnheim in der Wurlitzergasse, in dem Menschen versuchen, wieder Fuß zu fassen.

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Ein Einkaufszentrum durch eine neue Perspektive sehen (Foto: Johannes Greß)

Sozialkritik inklusive

Er ist ein sozialkritischer Guide und ein sehr aufmerksamer Begleiter. Glaubt ihr, alle Menschen hätten eine ecard in Österreich? Wisst ihr, wie wichtig es ist, eine Meldeadresse zu haben? Wisst ihr, wie viel man in Österreich für eine Barüberweisung zahlt, wenn man kein Bankkonto besitzt? Kennt ihr die österreichische Kampierverordnung? Zugegeben, über viele seiner Fragen habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht. Es tut gut, angeregt zu werden, die Stadt aus einer neuen Perspektive zu sehen. Irgendwann legen wir einen Stopp in einem Möbelgeschäft ein. Etwas fehl am Platz stehen wir zu dritt vor den Einkaufswagen im Erdgeschoß, an uns vorbei huschen junge Paare, die Wohnungszubehör suchen. Warum wir hier sind? – Wegen der kostenlosen Toiletten und dem günstigen Mittagessen oben im Restaurant.

Vor allem, da unsere Gruppe so überschaubar ist, bin ich anfangs noch unsicher, welche Fragen ich stellen soll und darf. Viele gehen mir durch den Kopf herum, aber ob sie angemessen sind, ist mir nicht ganz klar. Im Laufe des Abends wird die Stimmung lockerer, wir lernen unseren Guide ein wenig kennen und ich frage endlich alles, was mich beschäftigt: Wo hat man persönliche Dokumente, wenn man obdachlos ist? Sind Hunde in Notschlafstellen erlaubt? Was sagen die Betreiber_innen von Einkaufszentren, wenn man als Obdachloser die Toilette benützt? Ferdinand antwortet direkt, ehrlich und ausführlich. Nach jedem Stopp hält er inne, erkundigt sich nach Fragen oder Beschwerden. Es ist schön, wie sehr er sich auf uns einlässt und wirklich wartet, ob wir noch Fragen haben.

Wenn du auf der Straße lebst, ist alles teurer, das Glas Wasser, der Gang auf die Toilette, der Kaffee am Morgen. Dies wurde mir so richtig erst während unserer SUPERTRAMPS-Führung bewusst. Ich habe wirklich den Eindruck, Wien aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen. Ich schaue mich um, überlege, wo man hier schlafen könnte, ob hier wohl noch mitten in der Nacht Menschen unterwegs sind, wo es geschützte Plätze gibt, wie weit das letzte Tageszentrum entfernt war. Nach mehr als zwei Stunden ist mir trotz des eigentlich warmen Abends und meiner Winterkleidung einfach nur kalt.

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Durchs dunkle Ottakring mit Guide Ferdinand (Foto: Johannes Greß)

Der Abschluss der Tour ist äußerst symbolisch: In der Wurlitzergasse stehen wir an einer leeren, dunklen, einsamen Ecke, doch die Wattgasse mit ihrem belebten Verkehr, den Bussen, Menschen und Geschäften ist gefühlt nur einen Katzensprung entfernt. Es kann schnell gehen, so Ferdinands Fazit, der Weg in die Obdachlosigkeit ist kurz. Wieder zurück in ein geregeltes Leben zu finden, das dauert wesentlich länger.

Touren mit SUPERTRAMPS

Der Verein SUPERTRAMPS hat zwei Hauptziele: Empowerment der Guides und Bewusstseinsbildung. 5 Guides führen aktuell durch mehrere Wiener Bezirke, mit verschiedenen Schwerpunkten (“Wien – mein Nachtquartier”, “Wien – meine Hoffnung”, …). Kosten pro Person 15 Euro. Die Touren haben fixe Tage und Uhrzeiten, ab 5 Personen bemüht man sich, auch individuelle Termine zu organisieren. Nur mit Reservierung! Touren finden bei jedem Wetter statt.

Fotos zum Bericht: Johannes Greß, Wiener Bezirkszeitung (Danke für die Genehmigung zur Verwendung der Bilder!)

Die Wiener Bezirkszeitung berichtet auch über die Tour des Guides Robert.

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