„PANGEA“ oder die Ganzerde der Kulturen

Perspektiven des Alltags_Fotocredit_Bettina Gangl
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NGO-Porträt: „PANGEA. Werkstatt der Kulturen der Welt“

NGOJobs.eu: „PANGEA“? Der Superkontinent der Erdgeschichte?
Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen und wie passt dieser zu euch?

PANGEA: Da niemand von uns bei der Entstehung des Vereins im Jahr 2002 beteiligt war, können wir nur aufgrund der uns vorliegenden Dokumentation ehemaliger PANGEA-Mitarbeiter_innen die Vermutung aufstellen, dass es die Vision der Gründungsmitglieder war, symbolisch eine Art „Ganzerde“ zu schaffen. Sozusagen Menschen miteinander zu verbinden, egal welcher Herkunft sie sind. Und dieses Ziel verfolgt PANGEA auch heute noch: Begegnung zwischen Menschen jeder Herkunft durch Mittel der Kunst und Kultur zu ermöglichen.

Was war die Ursprungsidee von PANGEA?

PANGEA wurde 2002 im Zuge eines Projekts des Kulturvereins MEDEA – Kulturverein für aktive Medienarbeit ins Leben gerufen und war ursprünglich eine „multifunktionale und multikulturelle Medienwerkstätte für junge MigrantInnen und ÖsterreicherInnen“. Die Medienwerkstätte wurde aus dem Bedürfnis ihrer Zielgruppe heraus gegründet, welches in unmittelbaren Zusammenhang mit der kreativen Ausdrucksfähigkeit von jungen Menschen mit Migrationserfahrung jenseits von kulturellen und sprachlichen Barrieren bestand.

2005 spaltete sich das Projekt PANGEA aufgrund des großen Erfolgs in einen eigenen Verein ab und so entstand zunächst der Verein PANGEA – Interkulturelle Medienwerkstatt. Der Schwerpunkt lag damals im Medium Internet, es wurden aber auch Angebote in den Bereichen Audio, Fotografie, Radio und Grafik genutzt. Neben der Arbeit mit neuen Medien wurden die Nutzer_innen auch in beruflichen, rechtlichen und sozialen Fragen unterstützt und beraten. Wesentliche Aspekte von PANGEA waren schon damals die Stärkung der sozialen Kompetenz sowie die Förderung und Unterstützung der Selbstorganisation bzw. Partizipation der Nutzer_innen – Werte, die PANGEA noch heute ein großes Anliegen sind.

Workshop „Linolschnitt“

Da sich mit Erscheinen der ersten Smartphones und erleichtertem Internetzugang die Bedürfnisse der Besucher_innen änderten, orientierte sich PANGEA über die folgenden Jahre hindurch um, um auf damalige soziale Ereignisse reagieren zu können. Nach einer Phase als Jugendzentrum wurden 2014 die Grundsteine für das heutige PANGEA mit dem Ziel, Menschen jeder Herkunft durch Mittel der Kunst und Kultur zusammenzubringen, gelegt. Es entstand PANGEA. Werkstatt der Kulturen der Welt.

Seit seiner Entstehung bietet PANGEA regelmäßig Workshops zu verschiedenen Themen – früher großteils Medienworkshops, heute hauptsächlich künstlerische Workshops – an und war bei mehr als 50 größeren Projekten in Linz und Umgebung an der Konzeption und/oder Durchführung beteiligt. Der Erfolg dieser Projekte zeigt sich nicht nur an den über 20 Auszeichnungen, Anerkennungen und Preisen, die PANGEA bisher für seine Arbeit erhalten hat, sondern vor allem auch an den unzähligen Menschen, auf die PANGEAs Arbeit bis heute Wirkung hat.

Auf welche zwei Projekte seid ihr besonders stolz?

Natürlich sind wir auf alle Projekte stolz, die im PANGEA-Rahmen entstanden sind, da jedes für sich einzigartig ist und die Menschen, die daran beteiligt waren, in besonderer Form berührt haben. Zwei aktuelle Projekte, auf die wir stolz sind und von denen wir finden, dass sie die vielfältigen Arbeitsbereiche von PANGEA gut repräsentieren, sind:
Solidarity, Sista! – Frauen*.Zeichnen.Comics
Bei diesem Kooperationsprojekt mit dem Wiener Verein Blickwinkel – Mut zur Perspektive geht es darum, Frauen* und Mädchen* – eine Gruppe, die traditionell leider zu oft nur wenig Sichtbarkeit und Artikulationsmöglichkeiten in der Gesellschaft erfährt – eine Plattform zu bieten, ihre diversen Lebensrealitäten mit Anderen in Form von Comics zu teilen. Es werden Geschichten erzählt und diese in selbst gezeichnete Comics verwandelt.

Projekt „Solidarity, Sista!“ (Foto: PANGEA und Blickwinkel)

Perspektiven des Alltags. Neues Oberösterreich
Dieses Projekt aus dem Jahr 2017 war ein Kooperationsprojekt zwischen JAAPO – Verein für und von Schwarzen Frauen, Clara Gallistl vom Verein Volksbühne WIEN (heute: Neue Wiener) und dem mkh° – Medienkulturhaus Wels, das als Community-Theater-Projekt das Medium Theater dazu nutzte, unter anderem die Frage „Woher kommst du wirklich?“ kritisch zu reflektieren und künstlerisch aufzuarbeiten. Das rund 60-minütige Stück, das sowohl von professionellen als auch Lai_innen-Schauspieler_innen, sowohl von Personen mit als auch Personen ohne Migrations- und Fluchterfahrung gespielt wurde, wurde fünfmal in Oberösterreich aufgeführt und konnte mehr als 400 Zuseher_innen erreichen.

Projekt „Perspektiven des Alltags“

Wir haben von den „Sofagesprächen“ bei PANGEA gehört. Könnt ihr uns erklären, was es damit auf sich hat?

PANGEAs Sofagespräche dienen als Plattform für Austausch und Diskussion über verschiedenste Themenbereiche und gesellschaftspolitische sowie soziale Belange. Es soll Bewusstsein für wichtige, zeitgenössische Thematiken im Bereich Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur geschaffen und die Möglichkeit geboten werden, diese aus unterschiedlichen individuellen Blickwinkeln zu beleuchten. Für alle Teilnehmenden wird auf diese Weise ein sicherer und gemütlicher Diskussionsrahmen geschaffen, bei dem es kein Richtig und kein Falsch gibt – weder inhaltlich noch sprachlich. Wichtig ist uns dabei vor allem, dass Menschen zu Wort kommen, die im alltäglichen Leben wenig Gehör finden und wenige Möglichkeiten erfahren, ihre Sichtweisen über aktuelle gesellschaftliche Themen kritisch mit anderen zu diskutieren, zu hinterfragen und eventuelle Lösungsvorschläge einzubringen.
Pro Jahr finden bei PANGEA rund fünf Sofagespräche zu den unterschiedlichsten Themen statt, wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz, die Nationalratswahlen in Österreich, Benotungssysteme oder Tierrechte.

Ihr habt einen Wunsch für die Zukunft frei. Was wünscht ihr euch?

Diese Frage zu beantworten, ist schwierig, zumal PANGEA viele Menschen sind und jeder dieser Menschen (Mitglieder, Besucher_innen, Freiwillige, Vorstand, Angestellte etc.) PANGEA anders wahrnimmt und diese Frage dementsprechend verschieden beantworten würde. Als Büroteam haben wir aber seit Jahren das Motto: PANGEA hat sein Ziel erreicht, wenn PANGEA nicht mehr gebraucht wird. Dementsprechend wünschen wir uns eine bessere Welt, in der ein Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft selbstverständlich ist und auf Augenhöhe, ohne Diskriminierung, stattfinden kann. Da wir in unserer Arbeit aber tagtäglich erfahren müssen, dass große Teile der Gesellschaft von diesen Werten noch weit entfernt sind und Plattformen wie PANGEA stärker denn je benötigt werden, wünschen wir uns bei PANGEA in erster Linie ein Fortbestehen des Vereins. Dies umfasst nicht nur die finanzielle Absicherung unserer Räumlichkeiten in Linz und die Möglichkeit, weiterhin ein inhaltlich qualitativ hochwertiges Programm anbieten zu können, sondern vor allem auch viele Besucher_innen und Mitwirkende. Denn nur zusammen können wir die Welt zu einem besseren Ort machen.

Sofagespräche von PANGEA

Zum Abschluss in aller Kürze: Welche drei Wörter beschreiben PANGEA am besten?

Zurzeit bedeutet PANGEA für uns:

  • Menschen
  • Miteinander
  • Begegnung

Danke für das nette Interview!

Text von: Sanja Bajakić, Anna Fessler und Yvonne Metnitzer (PANGEA-Büroteam) | Fotocredits: Haltestellenfoto – Bettina Gangl, alle anderen Fotos: PANGEA