Weiterentwicklung von Projekten beim Verein Delta Cultura in Kap Verde

Delta Cultura-Liz Zimmermann
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„Delta Cultura weiterdenken – Kurzfristig alles langfristig“

Projektleiter Florian Wegenstein gibt einen detaillierten Einblick in seinen Arbeitsalltag mit seiner Organisation Delta Cultura in Kap Verde

Viele wissen es schon, manche werden es gleich wissen und hoffentlich überhaupt niemand will es gar nicht wissen: ich war in Wien. Um das zu machen was in der Überschrift steht, nämlich kurzfristig ausschließlich langfristig denken, wie sich Delta Cultura entwickeln soll/wird.

Aber das war ja gerade erst eben. Und um ein besseres Bild davon geben zu können wie und wo Delta Cultura gerade steht, erzähle ich vorher eine Begebenheit die sich im Juli des Jahres in Tarrafal zugetragen hat. Eine Weiterbildungsbegebenheit. Eine Weiterbildungsbegebenheit für die lieben Menschen die alltäglich mit den Kindern und Jugendlichen des Bildungszentrums Tarrafal zusammentreffen. Zusammentreffen, um zu bilden. Die Kinder und Jugendlichen zu bilden. Immer mit dem Wunsch, sie nicht in eine Schublade oder sonstige Enge hinzubilden, sondern in eine Freiheit hinein, die ihr Potenzial entwickelt und ihnen damit Türen und Tore öffnet. Türen und Tore, die noch nicht einmal ich selbst kenne … geschweige denn irgendwer.
Es gab also einen Weiterbildungskurs für uns … was sind wir eigentlich?
Erzieher? Ziehen klingt nicht gut.
Lehrer? Lehren klingt einseitig.
Ausbilder? Aus klingt endgültig.
Aufpasser? Pass klingt überflüssig.
Vielleicht sind wir Begleiterinnen und Begleiter? Klingt aber auch komisch: Begleiterweiterbildungslehrgang.
Aber eigentlich mach ich mir da eh wenig Sorgen. Irgendwas werden wir schon sein.

Der Weiterbildungslehrgang hatte das Thema: Bildung ohne Schulsituation. Geleitet wurde er von Gisela Mendonça. Eine Peruanerindeutschportugiesin, die seit einiger Zeit in Tarrafal lebt. Natürlich ist Gisela mehr als nur die erwähnten Nationalitäten und Wohnort. Gisela gehört zuallererst – so glaube ich zu erkennen – zu den wenigen Menschen dieser Welt, die als Original geboren wurden und dann nicht zu einer Kopie verkommen sind. Aber das werden Menschen wie Edward Young oder Arno Grün, die uns dieser Gefahr ausgesetzt sehen, besser beurteilen können.
Gisela hat unter anderem Ausbildung im Theater der Unterdrückten, diesen genialen Theaterformen des Beinahe-Friedensnobelpreisträgers Augusto Boal. Dem guten Mann ging es hauptsächlich um Veränderung der Realität durch Theater oder auch um die Aktivierung von im Alltag unterdrückten oder vernachlässigten sozialen und kommunikativen Ressourcen (wikipedia).
Ich kann mir auf alle Fälle keine bessere Workshopleiterin vorstellen als Gisela. Alles wurde spielerisch erarbeitet, keine zwingenden Richlinien vorgegeben, keine Meinungen oder Vorstellungen aufoktruiert, nichteinmal die Prügelstrafe wurde angewandt. Ich war sehr positiv überrascht. Habe ja persönlich auch teilgenommen, weil mich das Thema Bildung fesselt und foltert …

Ergebnisse dieses Workshops sind unter anderem neugestaltete Unterrichtsräume (inzwischen auch neu ausgemalt), genauer gesagt keine klassische Frontalunterrichtssituation mehr, sondern Kleingruppen – jede mit ihrer eigenen Tafel, sodass sich die Kinder gegenseitig helfen können. Damit wollen wir erreichen, dass die Hausaufgabengruppen möglichst kurz und schmerzlos an den Kindern vorüberziehen und  mehr Zeit für spielerisches Lernen bleibt.
Auch haben wir eine doch ganz ansehnliche Sammlung an Lehrspielen erarbeitet und erprobt. Spiele, mit denen die Kinder ihr Portugiesisch verbessern, das Einmaleins erlernen, soziale Kompetenzen entwickeln, die Fähigkeit entwickeln, andere Herangehensweisen zu finden und lauter so nützliche Sachen.
Die Spiele finden teilweise am Fußballplatz mit Ball statt, aber auch abseits an irgendwelchen schattigen Plätzchen des Bildungszentrums. Und wir haben angefangen, diese Spiele in einem Curriculum zusammenzufassen, sammeln jetzt Erfahrungen mit diesen Spielen, die dann in diese Curricula einfließen sollen, damit wir in ein paar Jahren eine Spielesammlung haben, die die Welt spielerisch in soziale Veränderung führen wird.

In der Praxis sehen die 3 Stunden, die die Kinder und Jugendlichen täglich bei uns im Bildungszentrum sind, jetzt so aus: die erste Stunde (manchmal auch eineinhalb Stunden) werden diese so beliebten Hausaufgaben gemacht, die den Kindern die Welt eröffnen, sie zu kritischem Denken anregen, ihre Kreativität bis zum absoluten Wahnsinn fördern, ihre Neugier und Interesse nicht nur wecken, sondern auch nie mehr einschlafen lassen … ja, ja diese Hausaufgaben, die können was.

Aber eben: wir wollen trotzdem nicht mehr als eine Stunde damit verschwenden. Danach zerstreuen sich die Kinder auf die verschiedenen Aktivitäten, die gerade angeboten werden: Fussballtraining, Informatikunterricht, Spielgruppen, Malgruppe, Nähgruppe, etc. Jede Woche am Freitag sitzen wir zusammen und erarbeiten das Programm für die kommende Woche.
So will ich z.B. die kommenden Wochen eine Gruppe ins Leben rufen, die über Weltpolitik recherchiert, diskutiert und philosophiert. Finde einfach, dass gerade bisschen allzu viel Unsägliches passiert auf der an sich doch wunderschönen Welt. Hinterfragen ist in Zeiten wie diesen angesagt. Oder täusche ich mich da schon wieder?
Damit die Kinder und Jugendlichen die ach so geliebten Hausaufgabengruppen nicht schwänzen und nur die lustigen Angebote besuchen, haben wir so eine Art Spielpass eingeführt. Wer seine  Hausaufgaben gemacht und vorgezeigt hat, bekommt einen kleinen orangen Zettel den er dann beim Spielleiter abgeben muss. Ohne orange Zettel kein Spiel. Wie im wirklichen Leben halt … ich hätte da übrigens noch ein paar orange Zettel …
So also sieht der derzeitige Zentrumsalltag aus. Das Schuljahr ist ja noch jung, aber alleine die Motivation der Erzieherinnen und Erzieher zu sehen ist eine Freude. Sie sind mit viel mehr Begeisterung dabei als noch vor der Sommerpause.

Dank Gisela, Augusto Boal und dem Theater der Unterdrückten.

Den Workshop habe ich wie erwähnt noch mitgemacht, um mich sodann mit Tochter Idalena in den Urlaub nach Wien zu verabschieden.  In diesen 3 Wochen hab ich kaum irgendwas gemacht, was mit Delta Cultura zu tun gehabt hat. War dringend notwendig. Schließlich gibt es ein Leben vor Delta Cultura und wie mir der liebe Gott geflüstert hat, gibt es auch eines danach. Allerdings hilft mir diese Einflüsterung herzlich wenig. Hab ich ihm auch gesagt.

Ich will ja ein Leben während Delta Cultura … Blödsinn. Gibt es eh. Frau. Kinder. Meer. Einflüsterungen vom lieben Gott. Musik. Thunfisch (gegrillt).

So bisschen war Delta Cultura aber natürlich schon Thema. Vor allem bei den Treffen mit Liz Zimmermann. Ich hab ihr so in etwa mitgeteilt, dass ich jetzt entweder das Projekt in Tarrafal verkleinern will, sprich die Hälfte der Leute entlassen und die Zahl der Kinder und Jugendlichen reduzieren oder wir starten eine Initiative zur Stärkung von Delta Cultura Österreich. Das haben weder Liz noch irgendein Engel hören wollen. Liz hat das wahrscheinlich gar nicht so ernst genommen, weil sie ja eh weiß was ich im tiefsten Inneren meines Herzens will (wobei ich selbst meinem Herz nicht viel mehr zutraue als stumpfsinniges Blut pumpen).
Aber irgendein Engel hat sich anscheinend gedacht: „Geh bitte Florian, red doch nicht so saublöd. Wohl noch nie von systemischer Organisationsberatung gehört?!“
Wie auch immer. Ich saß eines Tages im Gasthaus im Strombad Kritzendorf – es war kurz bevor der Hund meines Bruders entführt wurde – als Andrea und Christian von dem besagten Engel ins Strombad geschoben wurden. Ohne zu wissen wie ihm geschah, kam Christian neben mir zu sitzen. Ich hab ihn augenblicklich mit wichtigen Themen wie Bildung, Cabo Verde, Bildungszentrum, und Geldmangel nicht zu Wort kommen lassen. Der Engel war inzwischen verschwunden, der Hund immer noch nicht entführt.

In einer der kurzen Pausen meiner Erzählwut hat Christian es geschafft einzuwerfen, dass er systemische Organisationsberatung mache. Wie mein Engel schon gewusst hatte, hab ich noch nie davon gehört gehabt. Wir haben beschlossen in Kontakt zu bleiben. Dann wurde der Hund entführt und der gemütliche Abend hatte ein grausames Ende. Gott sei Dank (der Engel konnte ja nicht helfen, der hat gerade Christian und Andrea nach Hause geschoben – der Chef musste selbst eingreifen) ist das gute Viech noch am selben Abend befreit worden. Bruder Johannes hat es den Entführerinnen mit lautem Geschrei entrissen … wofür er wahrscheinlich vor Gericht muss und wegen zu lauter Hundebefreiung (§302 des österreichischen Strafgesetzbuches) mit einer Freiheitsstrafe zu rechnen hat. Hund und Entführerinnen kommen ungeschoren davon.
Auch wenn ich die zwei Geschichten etwas überzeichnet habe … es stimmen beide. Aber die mit dem Hund führe ich nicht weiter aus. Die mit Christian schon … und die Sache mit dem Engel lass ich mal so dahingestellt.

Die 3 Wochen Urlaub endeten mit den Vorsätzen, Delta Cultura Österreich und Deutschland zu stärken, Geldflüsse Richtung Tarrafal in Bewegung zu setzen (Kanalbau) und froh und glücklich bis an unsere Lebensende zu sein.
So kam ich Anfang September wieder nach Wien. Diesmal ohne Tochter und restlos fokussiert auf langfristige Lösungen für Delta Cultura. Was heißt Lösungen … darum ging es zunächst gar nicht. Vielmehr ging es in den Beratungssitzungen mit Christian zunächst darum, auch den notwendigen Abstand zum täglichen ‚Geschäft‘ zu bekommen. Verlangsamung sozusagen. Ich bin ja überzeugt, dass Visionen und Ideen (sind bekanntlich Geschwister) Schnelligkeit verabscheuen. Die wollen Ruhe und Muße. Gemein. Aber wir haben dem Rechnung getragen. Die Geschichte von Delta Cultura Revue passieren lassen, erkannt, wo und wann sich die Dinge gut entwickelt haben und wo und wann es gehakt hat. Wobei es bei uns natürlich nie gehakt hat, wir nie Fehler gemacht haben, nur lieb und ständig grossartig waren.

Mit Christian haben wir auch ein sehr geniales ‚Spiel‘ gemacht. Ein Interview (Christian der Interviewer, Liz als Liz und als Vertreterin einer privaten Spenderin und ich als Florian und Vertreter einer Institution, die Delta Cultura unterstützt – wobei nicht gleichzeitig, sondern natürlich nacheinander). Das Besondere an der Sache: das Interview hat nicht im Heute stattgefunden sondern heute in 5 Jahren. Und die Fragen waren so Fragen wie: Wie erklärst du dir den Erfolg von Delta Cultura der vergangenen 5 Jahre? Wo waren die größten Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin? Und viele mehr. War sehr nützlich, weil befreiend so hemmungslos Zukunft denken zu können.
Ausserdem ist jetzt sicher: in 5 Jahren wird es Delta Cultura in Cabo Verde, Österreich, Deutschland, Frankreich, Schweiz und Italien geben. Es wird regen Austausch zwischen den Vereinen geben. Fußball für Bildung wird das zentrale Thema sein. Die europäischen Vereine werden nicht ausschließliche Geldbeschaffungsvereine sein, sondern auch inhaltlich an den Bildungsprogrammen mitarbeiten. Es wird Delta Cultura Bildungsprojekte nicht nur in Tarrafal sondern auch in anderen Ländern geben.

Das war sozusagen der zweite Teil meiner Wienmission. Finanzierungsgelderzahlungsmittelgeberinnen ausfindig machen. Und wie kann das gehen? Netzwerken (klingt so toll, ist aber oftmals nichts anderes als reden und manchmal dazu saufen). Mit Menschen reden, die mehr Ahnung von Fundraising haben. Mit Menschen reden, die uns schon des öfteren bei diversen Aktionen geholfen haben. Mit Menschen reden, die uns noch nie geholfen haben, keine Ahnung von Fundraising haben, aber irgendwie visionär denken können.
Das also hab ich zwei Wochen lang gemacht. War sehr unterhaltsam. Wirklich. Ich liebe das. Der Austausch mit anderen Menschen, mit denen man ansonsten nichts zu tun hat, ist immer befruchtend. Fast will ich sagen, je weiter weg von meiner Realität sie sind, umso interessanter. Das rückt mir dann meine Realität wieder bisschen in ein anderes Licht. Und wie wir ja alle wissen sind die Realitäten, in denen wir leben ja nicht ausschließlich Frohsinn bringende Gebilde, sondern leider auch selbstgebastelte Sadomasokeller.
Man kann also auch sagen, ich hab zwei Wochen lang versucht, aus meinem Keller rauszukommen um andere Lichtquellen ausfindig zu machen. Und wenn ich das so sage dann ist das echt poetisch.

Wie gesagt, habe ich jedes einzelne Gespräch, dass ich in diesen zwei Wochen geführt habe genossen und sie alle haben mich Stück für Stück weitergebracht. Ich kann aber unmöglich über alle diese Gespräche ausführlich berichten. Daher will ich jene hervorheben, die bereits konkrete Resultate hervorgebracht haben. Und da stechen meine Treffen mit Thomas Redl heraus. Der gute Mann hat dieses Jahr bekanntlich die Kunstauktion für Delta Cultura organisiert und mit dieser Veranstaltung nicht nur eine beträchtliche Summe für das Bildungszentrum Tarrafal aufgestellt, sondern damit auch in eine sehr vielversprechende Richtung gezeigt.
Die Ergebnisse der Gespräche mit ihm und auch Juliane, einer Kunststudentin, die ich kontaktiert habe: Thomas und Juliane werden auch 2015 eine Kunstauktion organisieren. Zusätzlich wird Delta Cultura eine Delta Cultura/Cabo Verde Edition (Auflage ca. 25 Stück) mit Werken von 4 bis 5 Künstlern machen. Diese werden dann zu Gunsten von Delta Cultura verkauft. Also bitte schon mal anfangen zu sparen!

Mit Liz habe ich in den zwei Wochen in vielen intensiven Sitzungen Tabellen entworfen, die uns jetzt helfen werden, die richtigen Prioritäten zu setzen auf unserem Weg zu unserer Delta Cultura Vision. Kommunikation intern und extern ist dabei natürlich ein wichtiger Punkt und steht meist ganz oben auf all den Todo- und Wunschlisten.
Eine weitere Maßnahme, an der wir derzeit arbeiten ist die Anstellung von Karim Duarte, einem Kapverdianer, der seit vielen Jahren in Wien lebt, die kapverdianische Seele besser kennt als sonst jemand auf diesem Planeten, Erfahrung im NGO-Bereich hat und sich auf Kommunikation mit Medien, Stakeholdern, etc. versteht. Gelingen kann das derweil nur mit Hilfe des AMS. Delta Cultura ist derzeit leider noch nicht in der Lage jemanden anzustellen. Aber wir sind auf dem Weg dorthin und wenn wir derweil Hilfe vom AMS bekommen freuen wir uns einen Haxen aus.

Ich könnte jetzt wirklich noch viele liebe Menschen nennen, die ich im Laufe der zwei Wochen getroffen habe, aber ich fürchte, das würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Meine Ausschweifungen sind ja nicht gerade nützlich was Kürze und Würze betrifft. Und in Zeiten wie diesen hat kaum noch wer Zeit seitenlange Berichte zu lesen …
Also einfach Dank an alle meine lieben Gesprächspartner von denen ich alle hoffe bald wiederzusehen.

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